Der Bulldog in der Zeit vom 12. bis 19. Jahrhundert

Den Bulldog von damals darf man nicht mit den uns heute bekannten Bulldoggen vergleichen. Da es so etwas wie einen allgemein gültigen Rassestandard zu jener Zeit noch nicht gab, konnten die Hunde in Form, Größe, Farbe und Charakter recht unterschiedlich sein. Die Geschichte des Bulldogs ist lang und über die genaue Entstehung dieser Rasse wurde viel spekuliert. Es konnte nie wirklich geklärt werden ob der Mastiff oder der Bulldog der ältere sei oder ob der Bulldog sogar vom Mastiff abstammt. Heute wird allgemein angenommen, dass beide Rassen gleichen Ursprungs und Alters seien. Fakt ist jedoch, dass der Bulldog von den doggenartigen molossoiden Hunden abstammt, die auf römischen und griechischen Friesen und Reliefs abgebildet sind.

 

Der Name Bulldog entstand vermutlich wegen seiner Hauptfunktion, den Bullen anzugreifen. In ähnlicher Weise entstand nämlich der Begriff „Bandog“, auf den man in alten Quellen trifft. Als Bandog (engl. to ban = verbieten, verbannen) wurden große Wachhunde bezeichnet, die angekettet waren.

 

Der Bulldog der alten Zeit wird als ein Tier mit breitem Maul, kurzer Nase und massigem Schädel im Verhältnis zum Körper beschrieben. Durch die breit gestellten Vorderbeine hatten diese Hunde einen festen Stand und durch die zurückgeschobene Nase konnten sie mit verbissenem Fang weiter atmen. So brauchten sie ihre „Beute“ beim Luftholen nicht loslassen. Dies waren die idealen Voraussetzungen beim Kampf Hund gegen Bullen. Der Bulldog von damals wurde gezielt für das Bullenbeißen (engl. „bull-Baiting“) gezüchtet. Kampfeslust und Todesmut waren die wichtigsten Wesenseigenschaften eines Bulldogs jener Zeit.

Das Bullenbeißen soll durch eine eher zufällige Beobachtung entstanden sein. Die erste überlieferte Erwähnung stammt aus der Zeit des englischen Königs Johann Ohneland (engl. John Lackland) (1199 – 1216). Im sogenannten „Anschlag von Stamford“ wird berichtet, wie William Graf von Warren, welcher Lord dieser Stadt war, von den Mauern seines Schlosses aus, auf einer Wiese beobachtet habe, wie eine Gruppe von Metzgerhunden sich auf zwei Bullen stürzten, die um eine Kuh kämpften. Dabei sollen die Hunde einen der Bullen durch den ganzen Ort gejagt haben. Dem Grafen gefiel dieses Schauspiel so sehr, dass er den Fleischern des Ortes diese Wiese unter der Bedingung vermachte, dass diese jedes Jahr, sechs Wochen vor Weihnachten, einen Bullen bereitzustellen hatten, damit dieses Schauspiel wiederholt werden konnte. Bereits 1154 unter Heinrich II. haben solche Kämpfe stattgefunden und erfreuten sich bei Hofe große Beliebtheit. In einer Beschreibung der Stadt London von 1174 schrieb Fritz Stephan, dass während der langen Winter die Londoner Bevölkerung ihr Vergnügen darin suchte, dabei zuzusehen, wie Hunde auf Stiere und Bären gehetzt wurden.

Die Tierkämpfe wurden im Laufe der Zeit immer beliebter und fanden besonders bei den besseren Ständen und dem Adel viele Anhänger. 

 

Die Stadt Birmingham galt zu jener Zeit als das Zentrum der Bulldoggen-Zucht. Unter der Regierung von Heinrich VIII. (gegen 1530) bekam ein gewisser John Cooper die Erlaubnis, am ältesten Platz der Stadt direkt neben der Pfarrkirche, Stierkämpfe abzuhalten. Diese Ehre wurde ihm als Anerkennung für seine geleisteten Dienste zuteil. Bis ins Jahr 1773 waren diese Kämpfe die beliebtesten Schauspiele der Bevölkerung von Birmingham. In der Zeit von Heinrich VIII. und Königin Elisabeth, welche die Kämpfe ebenfalls mit lebhaftem Interesse verfolgte, nahmen diese immer größere Ausmaße an und wurden zu großen Festlichkeiten, die zu ehren ausländischer Gesandter veranstaltet wurden.

Der Leibarzt Königin Elisabeth benutzte noch das Wort „banndog“ in seiner Abhandlung von 1576. Er beschreibt ihn als außerordentlich schrecklich, furchteinflößend, wild und grausam, tapfer und angriffslustig und durch den Menschen in dieser Hinsicht noch weiter beeinflusst. Ob mit der damaligen Bezeichnung jedoch der Bulldog oder der Mastiff gemeint waren, konnte nie einwandfrei nachgewiesen werden.

 

Ein weiterer Beweis für die Beliebtheit der Stierkämpfe ist das Testament des Metzgers George Staverton vom 15. Mai 1661. Staverton war Bürger der Stadt Wokingham, welche südwestlich von London - mitten in der Grafschaft Royal Berkshire liegt. Mehr oder weniger aus Rache, weil er einmal von einem Stier verfolgt wurde, sollten jedes Jahr aus den Einkünften seines Hauses in Staines bei London zwei Bullen bezahlt werden und mit ihnen ein Bull-Baiting veranstaltet werden. Das Fleisch der Bullen wurde unter den Armen der Stadt verteilt.

 

Es zeigte sich schnell, dass für die Kämpfe gegen Bullen kleinere und wendigere Exemplare eher geeignet waren, als die großen, massigen Mastiffs. Diese konnten sich tief abducken und den Hörnern der Bullen schneller ausweichen. Die Eignung des Bulldogs wurde also schon sehr früh erkannt, woraufhin er zum Bullenbeißen züchterisch gefördert wurde. Als nützlich erwiesen sich dabei die Hautfalten auf Stirn und Backen. In ihnen konnte das Blut abfließen, ohne das Augenlicht zu trüben. 

 

Die Hunde wurden insbesondere für den Angriff auf die Nase gezüchtet. So wurden die Haut und das Fleisch der Bullen geschont. Für die Bullen war der Angriff auf die Nase und das verbeißen in diese sehr schmerzhaft. Er versuchte deshalb seinen Kopf so tief wie möglich zu senken, um den Gegner seine Hörner zu präsentieren. 

 

Der damals noch höherläufige Bulldog musste in tiefgeduckter Haltung auf den Bullen zukriechen und seinen Kopf dicht am Boden halten, um den Hörnern eine geringe Angriffsfläche zu bieten. Deshalb wurde der Bulldog im Laufe der Zeit kurzbeiniger, mit breiter Brust, starken Muskeln und einem ausgeprägten Vorbiss.

Hugh Dalziel beschreibt 1889 den so entstandenen Bulldog wie folgt: „Die Charaktereigenschaften des Bulldogs waren immer und sind heute noch die gleichen, die eines Hundes, der mit dem Kopf kämpft. Kurze Nase, großer und massiger Kopf mit breitem Fang. Der breite Fang ist das Allerwichtigste, die Grundvoraussetzung für seine Aufgabe. Je größer der Kopfumfang, verursacht durch die starke Backenmuskulatur, desto mehr Muskelkraft presst die Kiefer zusammen. Je kürzer der Fang, um so kräftiger der Griff. Je breiter und flacher der Fang vorne, desto breiter und größer die Angriffsfläche für den Biss. Der Unterkiefer greift vor den Oberkiefer, dies ermöglicht dem Hund im Angriff von vorn den Bullen an der Nase zu fassen, und gibt ihm, wenn er einmal zugepackt hat, den festen Halt. Die Flügel der Nase fliehen zurück, dadurch kann die Luft frei zur Nase durchströmen, auch wenn sich der Hund fest verbissen hat. Es ist offensichtlich, dass, wenn der Unterkiefer nicht bis vor die Nase geschoben wäre, Nase und Kiefer auf einer Ebene lägen, die Nase völlig flach gedrückt würde von dem Körperteil, in den sich der Hund gerade verbissen hat. Dies würde das Atmen schwer beeinträchtigen. In einem solchen Fall wäre der Hund wirklich kein echter Bulldog, der allen seinen Aufgaben gewachsen ist.“ 

 

Unter diesen ersten Bulldogs soll es, zahlreichen Berichten zufolge, Hunde gegeben haben, die noch mit gebrochenen Läufen oder von den Hörnern aufgerissenen Bäuchen, den Bullen weiterhin angegriffen haben. Nur die Hunde, die entschlossen und furchtlos genug waren, bis zum Tode weiter zu kämpfen, galten als echte Bulldogs. Verbiss sich ein Hund an einer anderen Stelle und nicht am Kopf oder Nase, so wurde er von weiteren Kämpfen ausgeschlossen. Er galt nicht der Rasse zugehörig. Für den Hund war das sein Todesurteil.

 

Der gehetzte Bulle wurde nach dem Kampf vom Metzger geschlachtet. Sein Fleisch galt als besonders zart. Den blutigen Bullenschädel bekamen die Züchter, die ihre Welpen darin verbeißen ließen, um sie auf spätere Kämpfe vorzubereiten. 

 

In einem Brief aus dem Jahre 1632 wird der Name Bulldog zum ersten mal schriftlich erwähnt. In diesem bittet der in Spanien lebenden Mr. Preston Eaton seinen Londoner Freund Mr. George Willingham, neben der Zusendung verschiedener Gebrauchsgegenstände per Schiff, auch um einen Mastiff und zwei gute Bulldoggen. Da er mit den Hunden sehr zufrieden gewesen zu sein schien, bat er in seinem nächsten Brief um weitere Hunde. Dieser Brief ist auch Beleg dafür, dass schon damals zwischen Mastiff und Bulldog unterschieden wurde. 

 

Im 17. Jahrhundert hatten die Bullenkämpfe wohl auch ihre Blütezeit. In fast jeder größeren Stadt gab es einen Bullenring, zu dem die Familien an den traditionellen Donnerstagen und Sonntagen strömten, um sich an den Kämpfen zu amüsieren und Wetten abzuschließen.

 

Ein damals bestehendes Gesetz forderte vor dem Schlachten das Hetzen der Bullen, damit sein Fleisch zarter werde. Es wird aus dieser Zeit auch überliefert, dass Metzger angeklagt und bestraft wurden, weil sie Bullen geschlachtet hätten, die zuvor nicht von Hunden gehetzt wurden.

Die Bullenkämpfe sahen wie folgt aus; Dem Bullen wurde entweder ein dickes Lederhalsband mit einer starken Kette um den Hals gelegt oder ein Seil um die Hörner gebunden und das Ende der Kette bzw. des Seils wurde mit einem schweren Ring aus Eisen verbunden, der an einem Pfahl befestigt war. Nun wurden auf den Bullen ein bis drei Hunde gehetzt. Der angepflockte Bulle musste so die Angriffe der Hunde abwehren. Dem Bullen wurden zwar zum Schutz der Hunde die Hörner abgestumpft, doch gelang es ihm diese unter den Körper des Angreifers zu schieben, wurde dieser oft durch die Luft geschleudert. Der Aufprall endete für den Hund meist tödlich. Viele Hundebesitzer versuchten daher den Aufprall der Hunde mit aufgestellten Bambusstangen, Lederschilden oder dem eigenen Rücken aufzufangen. Auch wurde der Bullenring mit Sand ausgeschüttet, um den Aufprall zu dämpfen.

Selbst wenn die Bulldoggen schwer verletzt waren, mussten sie sich erneut auf den Bullen stürzen und in die Nase packen. Hatte der Bulldog den Bullen einmal gepackt, so konnten ihre Besitzer sie nur noch durch aufhebeln des Fangs mit Eisenstangen vom Bullen trennen.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts soll ein Bulldoggenbesitzer eine Wette abgeschlossen haben, dass sein Rüde den Stier weiterhin angreift, obwohl ihm in bestimmten Zeitabständen eine Pfote nach der anderen abgehackt würde. Den Berichten zu folge soll der Hund trotz der schweren Verletzungen und unter enormen Schmerzen den Bullen auf seinen blutigen Stumpfen mit derselben Entschlossenheit weiterhin angegriffen haben. Diese Perversion diente nur dem Ziel, die Welpen seines Rüden mit Gewinn an den Mann zu bringen. 

Auch den Bullen wurden die Vorderfüße abgehackt, um zu sehen, wie sie sich auf ihren blutigen Stümpfen verteidigten. Brachen sie zusammen, goss man ihnen heißes Öl in die Ohren, oder man rieb ihnen Salz in die Wunden, Pfeffer in die Nüstern, oder zündete ein Feuer unter ihnen an, um sie wieder auf die Beine zu bringen.

Kämpfe, in denen ein in der Arena frei herumlaufender Bulle von den Hunden gepackt und umgeworfen werden musste, waren eher selten. Die für den Bullenkampf aufgestellten Regeln waren streng, dienten aber einzig und allein dem Wettgeschäft.

Zu dieser Zeit spezialisierten sich nicht nur die Hundezüchter, sondern es fanden sich immer mehr Geschäftsleute, die gezielt Kampfstiere züchteten. Diese wurden nach einem Kampf nicht unbedingt getötet, sondern man zog mit ihnen durchs Land, um Geld zu verdienen. Zu den berühmtesten Stieren dieser Zeit gehörte „Bill Gibbin’s Bull“, der als nahezu unbesiegbar galt.

Bei den Wetten ging es darum, ob die Hunde den Stier zu packen bekommen oder ob sie von ihm durch die Luft geschleudert wurden und sich die Rippen brachen.

Bulldogbesitzer zahlten Geld, um ihre Hunde auf den Bullen hetzen zu dürfen. Gelang es den Hunden den Stier an der Nase zu packen, gewannen sie ein hohes Preisgeld.

 

Zur Zeit von Karl II. fielen die Stierkämpfe beim Adel allmählich in Ungnade. In Staffordshire hörten sie bereits 1778 gänzlich auf, nachdem sie durch den Herzog der Stadt verboten wurden. Die Stierkämpfe wurden dort seit 1374 alljährig durchgeführt.

Der Pfarrer Dr. Barre predigte 1802 in Wokingham gegen die grausamen Spiele: „Zwei so nützliche Tiere … der Stier, der uns zur Nahrung dient und der treue Hund, der Wächter unserer Habe, so grausam zu quälen! Und warum? Ich bitte inständig den allmächtigen Gott, dass diese barbarischen Spiele, wenn sie überhaupt Spiele genannt werden können, verboten würden.“ Dank solcher Predigten schien das Interesse an diesen Kämpfen zumindest in Wokingham nachzulassen und hörten dort zu dieser Zeit auf.