Die Entstehung der Englischen Bulldogge

King Dick 1858
King Dick 1858

Auf den ersten Hundeausstellungen in England wurde der „neue“ Bulldog bald zu einer Attraktion, so dass es im Jahr 1860 erstmals eine eigene Klasse für Bulldoggen gab. In Islington gab es im Jahr 1863 bereits 20-30 Meldungen von Bulldoggen. Diese wurden in zwei Klassen aufgeteilt. Einer über 18 lbs (8,15 kg) und einer unter 18 lbs. Den leichteren Schlag nannten die Engländer liebevoll "Toy Bulldog". Aus dem schwereren Schlag entstand die uns heute bekannte Englische Bulldogge. Die Grenze zum aufteilen der Gewichtsklassen wurde 1872 noch einmal nach oben korrigiert und betrug ab da an 25 lbs (11,32 kg).

 

Das Interesse an der Bulldogzucht nahm so rasch zu, dass sich Im Jahre 1864 in England „The Bulldog Club“ gründete. Dies war der erste Rassehunde-Club überhaupt auf der Welt. Er verschwand zwar wieder sehr schnell, legte aber erstmals einen Rassestandard fest.

 

„King Dick“ hieß der erste Bulldog, der im Jahre 1865 das Championat gewann und mit seinen damaligen Artgenossen für großes Aufsehen durch seine Ruhe und Schönheit und absoluter Gutmütigkeit erregte. Diese Bulldoggen hatten außer ihrem Aussehen nichts mehr mit den Bulldoggen aus den Zeiten der Bullenbeißer gemeinsam.

Dockleaf
Dockleaf

Der erste Hund, der in das neu gegründete Zuchtbuch eingetragen wurde hieß "Adam" und wurde 1864 geboren. Bulldog Nr. 2 war bei seiner Eintragung bereits 10 Jahre alt, sowie viele Hunde der 50er Jahre des 19ten Jahrhunderts die nach und nach registriert wurden. Die Stammbäume dieser Hunde waren nicht wirklich zutreffend, da ihre Abstammung nur mündlich überliefert wurde. Diese Hunde trugen damals neben den eigenen Namen auch die Namen ihrer Besitzer. 

 

Im Jahre 1873 gründete sich der „English Kennel Club“ als Dachverband. Er veranstaltete ab sofort eigene Ausstellungen, welche von ihm überwacht wurde. Es wurde angefangen, die bereits privat geführten Abstammungsurkunden ins englische Hundestammbuch aufzunehmen. Der Kennel Club war ab sofort der Schirmherr für die überall im Land neu gegründeten Rasseclubs.

 

1875 wurde der „Bulldog Club Incorporated“ gegründet, der von da ab die Zuchtregie übernahm. Ab sofort wurde auf Verträglichkeit Wert gelegt. Ein „Kampfhund“ war nicht mehr gefragt, sondern der friedliche Familienhund.

 

Im Jahr 1891 liess man die beiden damaligen Top Bulldoggen, Orry und Dockleaf, in einem Wettbewerb gegeneinander antreten. Dieser Wettbewerb war maßgeblich entscheidend für die zukünftige Entwicklung des Bulldogs.

King Orry (*25.01.1889)
King Orry (*25.01.1889)

Orry war ein sehr sportlicher und leicht gebauter Hund, der an die ursprünglichen Bulldogs erinnerte. Dockleaf hingegen war kleiner und schwerer gebaut und erinnerte damals schon mehr an den heutigen Bulldog. Dockleaf wurde in diesem Wettbewerb zum Sieger erklärt. Obwohl es schon damals Stimmen gab, die die „ältere Version“ des Bulldog für tauglicher hielt, hatte die modernere Variante mehr Fürsprecher. Sie bewies damals, dass sie genauso fit und erfolgreich in einer „Walking Competition“ war, wie der alte Typ.

 

In Deutschland schlossen sich 1901 verschiedene Klubs zum „Kontinentalen Bulldog-Klub“ unter der Führung von F. W. Pelzer zusammen. Eine der bedeutendsten Züchter in diesem Verein war damals Frau Dr. Berthold.

Der KBK wurde später in "Club Englischer Bulldogs" umbenannt. Nach dem Tode von Otti Heermann (1964) erlebte er jedoch seinen stetigen Niedergang. Im Jahr 1971 wurde er dann von Kari und Gert Wolfsjäger wieder reaktiviert. Kari züchtete damals sehr erfolgreich, über 7 Jahre, die "Cincinatti" - Bulldogs. 

 

Auch in Deutschland wurde der Bulldog anfangs misstrauisch betrachtet. Über die Schwierigkeiten die Bulldogge auch in Deutschland salonfähig zu machen schriebt Pelzer: „Spricht man in Deutschland von dem Bulldog und nennt nur diesen Namen, so überläuft selbst manchen wetterharten Mann eine Gänsehaut in der vollständig irrigen Ansicht, der Bull sei ein besonders gefährlicher, falscher, hinterlistiger Bursche, welchem man am besten meilenweit aus dem Weg gehe. Hierin liegt der Hauptgrund für die seitherige geringe Ausbreitung dieser interessanten Rasse in Deutschland. Die besseren Kreise hatten sich ihr eine Zeit lang vollständig verschlossen, worin jetzt allerdings allmählich ein Wandel einzutreten scheint.“

 

Richard Strebel, ein deutscher Künstler und Kynologe, beschreibt 1903 die Charaktereigenschaften der Englischen Bulldogge wie folgt: „Der Grundzug des Bulldogcharakters ist Gutmütigkeit, ein gewisses Phlegma, beides aber nur solange, als sich nichts ereignet oder ihnen begegnet, was ihre schlummernden Leidenschaften auslöst. Es liegt hierin ein scheinbarer Widerspruch, man kann es aber nicht anders bezeichnen, als dass Phlegma und Leidenschaft unvermittelt nebeneinander ruhen. In dem Ausbruch ihrer Leidenschaft liegt eine ungeheure Beharrlichkeit, ebenso in dem ihres Willens. Man hat oft dies Unvermittelte für Jähzorn gehalten, ich möchte dies mehr als eine äußerst heftig einsetzende Willensbetätigung bezeichnen, wozu sich ein unentwegtes Festhalten an einem einmal gefassten Entschluss gesellt.“ 

Strebel, der in seiner Arbeit eher den deutschen Rassen zugetan war, züchtete jedoch selbst Bulldoggen und war maßgeblich am Aufbau der deutschen Zucht beteiligt. „Eine Ruhe, die er für gewöhnlich zeigt, wenn es aber darauf ankommt, sein rücksichtsloses Draufgehen und sein zähes Festhalten, entsprechen so sehr dem Charakter des Engländers, dass man seine Volkstümlichkeit vollauf begreifen kann.“ Bei diesen Worten merkt man, dass sich Strebel der Faszination, die vom Bulldog ausging, nicht entziehen konnte.

Toy Bulldog um 1910
Toy Bulldog um 1910

Im Jahr 1908 erschien in der illustrierten kynologischen Zeitschrift „Der Hund“ folgender Artikel von Pelzer: „Wenn wir die Ausbreitung der Liebhaberei für den englischen Bulldog in Deutschland betrachten, so müssen wir sagen, daß diese in den letzten Jahren einen geradezu überraschenden Aufschwung genommen hat. Noch vor acht oder zehn Jahren sah man nur selten auf deutschen Ausstellungen einen richtig guten Bulldog. Die Mehrzahl waren hochläufige, schlecht gebaute Hunde mit lustig getragenen langen Ruten, die Köpfe meistens im Schädel viel zu rund, aber sie waren bisweilen doch ganz passabel. Andererseits waren es stramme Burschen, welche wohl ihren Mann standen. Meistens war man aber nicht so sicher, ob man einen Boxer oder einen Bulldog vor sich hatte. Nach und nach nahm das Verständnis immer mehr zu. Aus England wurde Material importiert, meistens hoch bezahlte aber minderwertige Bulldogs; die besten behielten die Engländer für sich. Diese qualitativ schlechten, teils kranken Hunde mit verzerrten Schultern, wurden von uns als die echten Vertreter ihrer Rasse angesehen. Dass sich unter solchen Umständen die Liebhaberei nicht ausbreiten konnte, ist verständlich. Gute Exemplare waren zu wenig vorhanden um für die Rasse Propaganda machen zu können.“

 

Zwischen den beiden Weltkriegen wurde nicht gezüchtet und auch später waren nur wenige Tiere vorhanden.

 

Den Wandel der Englischen Bulldogge von seiner Entstehungszeit bis heute beschreibt am besten die folgenden Zeilen aus einem Brief von Frau Lingelsheim - Tochter von Frau Dr. Berthold, an die Züchterin Frau Wolfsjäger, aus dem Jahre 1973; „Als ich heute bei Ihnen war, war es für mich sehr interessant zu sehen, wie sich die Hunde in den letzten 60 Jahren verändert haben. Aus den hochbeinigen, schlanken Hunden sind stämmige, muskulöse Burschen geworden, nur der Kopf mit seinen sorgenvollen Falten und den bestechend treuen Augen ist derselbe geblieben, den ich damals liebte, und der mich wieder begeisterte.“